Ausstellung

Richard Hawkins
Potentialities

24. Apr. - 2. Aug. 2026

Richard Hawkins, Sombre Soul Unsleeping (Detail), 2020
Richard Hawkins, Sombre Soul Unsleeping (Detail), 2020, courtesy the Artist; Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York; und Greene Naftali, New York

Die Kestner Gesellschaft freut sich, mit Potentialities die erste institutionelle Überblicksausstellung seit einem Jahrzehnt zum Werk Richard Hawkins zu präsentieren. Seit den frühen 1990er Jahren hat der in Los Angeles lebende Künstler eine einzigartige künstlerische Arbeitsweise entwickelt, die aus der Freude an intensiver Betrachtung, akribischer, nerdiger Recherche und dem Zusammenspiel von Fankultur und Begehren hervorgeht. Potentialities konzentriert sich auf Werke aus insgesamt acht Werkgruppen, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind, darunter Malerei, Skulptur, Keramikreliefs sowie KI-generierte Videos, die sich mit Online-Subkulturen und Memes beschäftigen.

Die Ausstellung eröffnet mit einer Gruppe von Malereien, die auf Verfahren des Ausschneidens und Einfügens von Bildern aus Magazinen und Publikationen beruhen (2017–2024). Die Arbeiten verbinden Material aus den verschiedensten Quellen wie Abbildungen von griechisch-römischen Statuen, Porträts von Haar-Models, sogenannte „Thirst Traps“ (verführerische Selbstinszenierungen auf Social Media), schwule Erotikfilm-Darsteller und Hollywood-Ikonen. Collage und die Kombination unterschiedlicher Referenzen werden dabei als zentrale künstlerische Methoden etabliert.

Farbenfrohe Acrylgemälde (2019–2024) bilden eine zweite Werkgruppe. Porträtmalereien von Celebritys treffen hier auf gemalte Textfragmente sowie Figuren wie Vampire und Zombies, Stierkämpfer und oberkörperfreie Poser. Hier basiert die Logik des Sammelalbums nicht mehr allein auf tatsächlich ausgeschnittenen und zusammengeklebten Collageverfahren, sondern wird in Malerei übersetzt, in der einzelne Elemente mithilfe des Pinsels statt durch physische Montage erzeugt werden. Durch diese malerische Umgestaltung wird das Sammelalbum zu einer erweiterten Methode: ein obsessives, alltägliches System, mit dem sich heterogenes Material in einer bewusst instabilen Ordnung zu halten vermag. Genres, Geschichte, Populärkultur, schwule Subkultur und Kunst werden durch diesen Ansatz zu einem dichten, aber offenen Referenzfeld zusammengefügt.

In anderen Segmenten der Ausstellung tritt Hawkins’ andauerndes Interesse an den Praktiken und Obsessionen anderer Künstler:innen expliziter in den Vordergrund. Dazu gehören etwa die Malereien und Papierarbeiten der Forrest Bess Variations (2021–2023), in denen Hawkins die Gemälde und Theorien des Mitte des vorherigen Jahrhunderts lebenden Fischers und Malers Forrest Bess interpretiert; eine Serie, in der er in Form von Keramiken Antonin Artauds Zeichnungen aus der psychiatrischen Klinik analysiert (2012–2023); Collagen auf Basis der Notizbücher des japanischen Choreografen Tatsumi Hijikata, dem Gründer des Ankoku Butoh („Tanz der Finsternis“); sowie Death to Mike Kelley (2019), eine Arbeit, die Hawkins’ früherem Lehrer Mike Kelley gewidmet ist.

Die Ausstellung schließt mit einer Serie jüngerer Gemälde, die in Hommage an den französischen Maler Pierre Bonnard entstanden sind. Hawkins greift hier Bonnards exzentrischen Umgang mit Farbe und Pinselführung auf, überarbeitet Originalszenen und setzt Gruppen junger Schönlinge in üppige Umgebungen voller Muskeln, Blumen, Schmetterlingen und Katzen in Szene. In einem Interview reflektiert Hawkins dieses Vorgehen wie folgt: „Ich war fasziniert von der Konturlosigkeit und spielerischen Grobheit, die bei Bonnard so mühelos wirken… sich in Bonnard-Fantasien zu verlieren, das ist meine ganzeigene Form einer generativen Verviel¬fachungsmaschine.“

Der Titel Potentialities verweist auf die Fähigkeit von allem und jedem, etwas anderes zu werden – auf die grenzenlosen Möglichkeiten des Seins und des Werdens. In Hawkins’ Arbeit ist diese Idee sowohl als Konzept wie auch als Methode am Werk. Bilder und Themen bleiben hier über Malereien, Collagen und Videos hinweg stets im Fluss: ausgeschnitten, überlagert und in Konstellationen mit offenem Ende neu kombiniert.

Letztlich treten Begehren und Fandom nicht als eindeutig feststehende Themen, sondern als ein fortwährendes, nicht-teleologisches Beziehungsfeld hervor – exzessiv und stets im Werden. Bedeutung wird nicht durch fixe Referenzen, sondern kontinuierlich durch Beziehungen produziert. Die Collage, verstanden als das Zusammenbringen disparater Elemente, strukturiert dabei seine von ihm selbst als „promiskuitiv referenziell“ beschriebenen Arbeit. Sie fungiert als eine Art des „Cruisings“ durch die Bildwelten der Popkultur, durch Literatur und die Annalen der Kunstgeschichte – und mittels Gegenüberstellung, Zufall, intuitiver Assoziation.

Richard Hawkins (geb. 1961, lebt in Los Angeles, USA) hatte Einzelpräsentationen u. a. in der Kunsthalle Wien (2025/26); bei der Loewe FW Men’s Show, Paris (2024); der Tate Liverpool (2014); dem Le Consortium, Dijon (2013); dem The Art Institute of Chicago und dem Hammer Museum, Los Angeles (beide 2010); dem De Appel Arts Centre, Amsterdam (2007) sowie im Kunstverein Heilbronn (2003). Seine Werke sind darüber hinaus international in Gruppenausstellungen vertreten, u. a. im Artists Space, New York (2023); im Bonner Kunstverein (2019); im Kunstinstituut Melly, Rotterdam (2014) sowie in der Whitney Biennial 2012, New York. Außerdem befinden sich seine Werke in zahlreichen internationalen Museumssammlungen, darunter: das Art Institute of Chicago; das Astrup Fearnley Museet, Oslo; das Hammer Museum, Los Angeles; das Hessel Museum of Art, Annandale-on-Hudson, New York; das Institute of Contemporary Art, Miami; das Kistefos Museum, Norwegen; die Loewe Foundation, Madrid; das Museum of Contemporary Art, Los Angeles; das Museum of Modern Art, New York; ds Nevada Museum of Art; das Palm Springs Art Museum; das Stedelijk Museum, Amsterdam; das Walker Art Center; sowie das Whitney Museum of American Art, New York. Hawkins arbeitet als Professor für Malerei am ArtCenter College of Design in Pasadena.

Die Ausstellung in Hannover wird von Eva Birkenstock kuratiert und in enger Kooperation mit der Kunsthalle Wien organisiert. Sie wird von der Publikation Richard Hawkins: Potentialities begleitet, die Texte von Rhea Anastas, Annie Ochmanek und Kristian Vistrup Madsen, ein Interview mit Richard Hawkins von Bruce Hainley sowie eine Einleitung von Michelle Cotton und Eva Birkenstock beinhaltet. Das Buch erscheint auf Deutsch und Englisch beim Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln (gestaltet von Dan Solbach, Preis: 38 Euro).

Richard Hawkins hat im Rahmen einer neuen Serie mit Künstler:innen-Editionen einen limitierten Druck geschaffen. Mystery Cult of Harpocrates (Hanover Version) reproduziert ein Gemälde Hawkins’ gleichen Namens von 2018, das in der Ausstellung zu sehen ist.


Ausstellungsansichten

Richard Hawkins, House Capriccio, 2008, Installationsansicht, Potentialities, 2026, Kestner Gesellschaft, Foto: Volker Crone

Veranstaltungen

Do 7. Mai 2026, 17 Uhr
Buchcover Richard Hawkins: Potentialities

Kestner-Lesegruppe

Richard Hawkins: Potentialities

Anmeldung erbeten
Do 7. Mai 2026, 18 Uhr
Richard Hawkins, Soft yet Weirdly Ways, 2020, courtesy the Artist; Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York; und Greene Naftali, New York

Meet the Team: Ausstellungsrundgang mit Berenike Arbeiter & Leonie Funke

Sa 9. Mai 2026, 11–12.30 Uhr

kestnerkids machen Kunst – Goes International: Surprise-Surprise!

Kunst für Kids auf Englisch, 5–12 Jahre

mit Anmeldung
So 10. Mai 2026, 11–12.30 Uhr

kestnerbanden: Schön ver-KOPFt Bilder & Objekte

für portraitverliebte Familien, ab 3 Jahren

mit Anmeldung
Do 14. Mai 2026, 16 Uhr
Fokus Bildung

Meet the Team: Ausstellungsrundgang mit Gabriele Sand


Besuchen Sie uns

Goseriede 11, 30159 Hannover

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