Ausstellung

Karimah Ashadu
Crystalline

29. Aug. - 15. Nov. 2026

Karimah Ashadu Porträt
Karimah Ashadu, Foto: Aaron Leithauser

Die Künstlerin und Filmemacherin Karimah Ashadu (geb. 1985 in London) lebt und arbeitet zwischen Hamburg und Lagos. Seit den frühen 2010er-Jahren entwickelt sie eine Arbeitsweise, die sich auf Nigeria konzentriert und Vorstellungen von Unabhängigkeit und Wert anhand von Menschen befragt, die dort arbeiten und leben: Schlachter, Cowboys, Minenarbeiter, Motorrad-Taxifahrer, Bodybuilder. Es sind Existenzen in den informellen Ökonomien des Landes, deren tägliche Arbeit das Überleben sichert und den Traum von einem selbstbestimmten Leben mit sich bringt. Den Kern ihrer Praxis bildet der Film, daneben arbeitet sie mit Fotografie, Skulptur und Malerei. Die Kestner Gesellschaft präsentiert mit Crystalline ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Im Zentrum steht die Weltpremiere des Films WAVES (2026), zu sehen in der Kuppelhalle des ehemaligen Goseriedebades. Das Video wird zusammen mit acht neuen Fotografien und der Skulptur Auric Field (2026) in einer eigens für die Kestner Gesellschaft entwickelten Inszenierung gezeigt. Wie ihre Filme sind auch die Ausstellungsräume malerisch gedacht: Durch präzise Farb- und Lichtsetzung werden die Bewegtbilder der Künstlerin Teil der Architektur selbst.

Der neue Film WAVES widmet sich der alltäglichen Arbeit einer informellen Autowaschanlage im Stadtteil Oniru in Lagos, auf einem schmalen Streifen Land, das dem Atlantik erst vor Kurzem abgerungen wurde. Er folgt einer Gruppe von Männern beim Waschen der Fahrzeuge und schneidet immer wieder zwischen Waschanlage und Atlantik hin und her, bis sich Arbeit und Ozean miteinander verweben und ineinander spiegeln. Darüber legen sich die Stimmen der Männer auf Hausa, der Verkehrssprache des nigerianischen Nordens: Sie erzählen davon, was sie nach Lagos geführt hat. Die acht lebensgroßen Fotografien porträtieren Protagonisten des Films und Menschen aus dessen Umgebung in nachgeahmter Designerkleidung. Die Kleidung wird zur Selbstinszenierung: Mit ihr behaupten die Männer Sichtbarkeit, Wert und Nähe zu einer Ökonomie, die sie ausschließt. Die Oberflächen der Fotografien sind mit Salzwasser, Tusche, Pigment und Bleichmittel bearbeitet. Während das Wasser verdunstet, wachsen Salzkristalle über die Porträts – so geht der Atlantik buchstäblich in die materielle Substanz der Arbeiten ein. Ihre eigens angefertigten Stahlrahmen machen die Fotografien zu Objekten und geben Bildern, die sonst von Fragilität und Wandel geprägt sind, spürbares Gewicht und Halt.

Die Skulptur Auric Field ist ein gefundener kupferner Wassertank, dessen verwitterte Oberfläche Ashadu mit einer spontanen Linienzeichnung eines der Protagonisten des Films verwandelt hat. Die Zeichnung holt die Skulptur an den Ort der Autowaschanlage zurück und schreibt die in im Film WAVES dargestellte Arbeit unmittelbar in die Oberfläche des Objekts ein. Aus seinem Gebrauchszusammenhang gelöst und im Ausstellungsraum gezeigt, verschieben sich Status und Wert des Objekts.

In der anliegenden dunkelblauen Ausstellungshalle porträtiert der Film Cowboy (2022) einen Mann in Tarkwa Bay vor der Küste von Lagos, der sich der Pflege von Pferden verschrieben hat. Die Kamera folgt ihm zu Pferd bis ans Ufer, während er von seinem Leben erzählt – und die zweite Leinwand öffnet sich auf den stürmischen Atlantik. In der Arbeit steht die Figur des Cowboys als Sinnbild für Freiheit und Autonomie. Cowboy misst dieses Bild an einem konkreten Leben und erzählt vom Ozean als einem Raum zwischen Verheißung und Verheerung. Wie in WAVES richtet Ashadu ihren Blick auf die Nuancen von Verletzlichkeit innerhalb einer sozial konstruierten – und damit performativen – Männlichkeit und auf die Kräfte, die sie formen.

Crystalline handelt von der Entstehung von Wert: davon, wie er durch natürliche Prozesse, materielle Verwandlung und die informelle Arbeitsökonomie geformt und zugeschrieben wird. Gemeinsam erweitern die Fotografien und die Skulptur die filmische Praxis der Künstlerin in den physischen Raum: Sie treten in einen Dialog mit den visuellen, klanglichen und zeitlichen Registern des Films und bleiben zugleich eigenständig lesbar. Wasser wird zu Rückstand, während die im Film aufgehobene Arbeit in Oberfläche und Form übersetzt und mit Materialität aufgeladen wird.

Karimah Ashadu (geb. 1985 in London) ist eine britisch-nigerianische Künstlerin und Filmemacherin. Sie lebt und arbeitet zwischen Hamburg und Lagos. Ashadu arbeitet vorrangig mit Film und erweitert ihre Praxis um Fotografie, Malerei und Skulptur. Ihre Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Museum of Modern Art und im MoMA PS1, New York, in der Tate Modern und der South London Gallery, London, im Camden Art Centre, London, in der Kunsthalle Bremen, in der Secession, Wien, in der Hamburger Kunsthalle, im Kunstverein in Hamburg sowie im Centre d'Art Contemporain Genève. Auf der 60. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia (2024) wurde sie mit dem Silbernen Löwen als vielversprechende junge Teilnehmerin ausgezeichnet. Eine Einzelausstellung in der Renaissance Society, Chicago, steht bevor. Ihre erste Monografie Tendered erschien 2025 bei Mousse Publishing. Ashadu erhielt unter anderem den Lichtwark-Förderpreis (2025), den Preis der Böttcherstraße in Bremen (2022) und den ars viva-Preis (2020). 2026 verlieh ihr die University of the Arts London die Ehrendoktorwürde. Ihre Arbeiten befinden sich in den Sammlungen des Museum of Modern Art, New York, der Collection d'art contemporain de la Ville de Genève und der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland. 2020 gründete sie Golddust by Ashadu, eine Filmproduktionsfirma für Künstler:innenfilme zu Schwarzer Kultur und afrikanischen Diskursen.

Anlässlich der Ausstellung erscheint die Publikation WAVES.

Kuratiert von Alexander Wilmschen, mit kuratorischer Assistenz von Berenike Arbeiter.

Die Kestner Gesellschaft eröffnet am Freitag, 28. August 2026, um 19 Uhr die Einzelausstellung Crystalline von Karimah Ashadu.

Save the Date
Am Freitag, 13. November 2026, um 18 Uhr findet anlässlich der Ausstellung ein Artist Talk mit Karimah Ashadu statt.


Besuchen Sie uns

Goseriede 11, 30159 Hannover

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Wir bedanken uns für die Förderung dieser Ausstellung.

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