Ausstellung

Paula Rego.
Theatrum Mundi

30. Okt. 2022 - 29. Jan. 2023

Paula Rego Studio
Studio of Paula Rego, Photo: Adam Budak

„Das Atelier, das ich jetzt habe, habe ich 1993 von den Herstellern meiner Keilrahmenspanner gekauft. Als ich hier hereinkam, sagte ich: ‚Das ist es‘, und ich ging direkt zur Bank. Es ist der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle. Hier gehöre ich hin.“ So beschreibt Paula Rego ihren Arbeitsplatz im Norden Londons. Sie fährt fort: „Meine Welt spielt sich in meinem Atelier ab. Das meiste davon besteht aus Dingen, die ich vor vielen Jahren aus Portugal mitgebracht habe: Kleidung, bestimmte Puppen. Es gibt Anzüge, die meiner Großmutter gehörten. Ich habe Dinge von meiner Mutter.“ Für die Künstlerin gibt es eine Außenwelt, die parallel zu der im Atelier aufgebauten Welt existiert, aber die Realitäten dieser beiden Welten sind getrennt. Im Atelier konstruiert Rego ihr eigenes Universum der Imagination an der Grenze zwischen Realität und Traum, indem sie in ihren Bildern darstellt, was sie nicht sagen kann und ihnen so eine magische und aufschlussreiche Kraft verleiht. Dies ist ein wesentliches Habitat ihrer Identität als Frau und als Künstlerin. Das Atelier mit seiner Intimität und Abgeschiedenheit ist eine Garantie für die absolute Trennung von Familienleben und künstlerischer Arbeit, die Rego als Ehefrau und Mutter dreier Kinder immer angestrebt und gewünscht hat. Regos Atelier ist ein Bildraum und eine transgressive Zone: Indem sie sich vergangene Geschichten oder Episoden ins Gedächtnis ruft und sie in ihrem Lebensraum ansiedelt, filtert und vereinheitlicht Rego die Komposition und schirmt sie von der analytischen Ebene ab, die für den Realismus charakteristisch ist.

Paula Rego. Theatrum Mundi ist der erste Versuch, das Atelier von Paula Rego vollständig zu rekonstruieren. Als solches bietet es einen einzigartigen Einblick in den kreativen Arbeits- und Denkprozess der Künstlerin und lädt uns zu einer Reise in eine transgressive und groteske Welt der theatralischen Fantasie ein, in der Regos unvergleichliche Vielseitigkeit und die Magie ihres Erzählens gefeiert werden. Das Atelier, das in zwei Räume unterteilt ist, in den ruhigen Raum (Ruhe und Nachdenken) und den geschäftigen Raum (Arbeit und Aktion), wurde von Lila Nunes, Regos wichtigster und langjähriger kreativer Freundin, sorgfältig und liebevoll rekonstruiert. Sie stand häufig für mehrere bedeutende Werke Modell, darunter Angel und die Serie Ostrich, die in der Ausstellung zu sehen sind. Nunes trat 1985 als Au-pair in Regos Leben und wurde später Krankenschwester, um sie bei der Pflege ihres Mannes Victor Willing in seinen letzten Lebensjahren zu unterstützen. Bis zu ihrem Tod im Juni 2022 arbeitete sie jahrzehntelang mit der Künstlerin zusammen, zum Teil nonverbal und unbewusst. Sie war Regos künstlerische Begleiterin, ihr Medium und ihre Inspiration, die Hüterin von Geheimnissen und die treibende Kraft hinter Regos virtuosem Erzählen. Gemeinsam schufen sie die „Dollies“, skulpturale, spielzeugartige, weiche Figuren aus Stoff, Pappmaché und anderen einfachen Materialien in Form von Kaninchen, Skeletten, Puppen oder etwas Mehrdeutigem und Hybridem, die Regos spätere Werke bevölkern. „Die Requisiten haben ein Eigenleben“, erklärt Lila Nunes. Sie sind die Protagonisten in Regos Werk, denn die Künstlerin inszeniert sorgfältig eine Auswahl von ihnen in ihrem Atelier und zeichnet dann die Szene in Pastell. Das Atelier ist voll von aufgedunsenen Holzpuppen und kahlköpfigen Meerjungfrauen, einem Adler aus Zellstoff und einem riesigen ausgestopften Oktopus, die Regos bezaubernde und unheimliche Welt aus Farbe und Leinwand bevölkern.

Eine Auswahl unvollendeter Arbeiten – Zeichnungen, Skizzen, Entwürfe sowie Druckplatten, Fragmente des Prozesses – veranschaulicht die Auseinandersetzung mit dem Thema und der sich ständig verändernden Geschichte. Überall liegen gebrauchte und ungebrauchte Pastellstifte verstreut (Werkzeuge, deren Härte Rego sehr schätzte, da sie ihr eine „heftigere, viel aggressivere“ Ausdrucksform ermöglichten und eine Taktilität und Unmittelbarkeit garantierten). Als solche zeugen ihre Arbeiten von einem allgegenwärtigen Schöpfungsakt, von einem starken Gefühl der Präsenz der Künstlerin selbst. Es handelt sich um eine vollendete Geschichtenfabrik, die einem Theater hinter der Bühne und einem Proberaum ähnelt, einem Mikrokosmos, der sich aus fast allen Arten von Erzählungen speist, von der portugiesischen Folklore bis zur politischen Satire und Kindheitserinnerung. 

Wir danken dem Sohn von Paula Rego, Nick Willing, und Lila Nunes für ihre großzügige und heldenhafte Arbeit, die die Rekonstruktion von Regos Atelier hier in der Kestner Gesellschaft ermöglicht hat.

Kuratoren: Adam Budak, Alistair Hicks
Kuratorische Assistenz: Robert Knoke

Erfahren Sie mehr über Paula Rego im Handout zur Ausstellung.


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Goseriede 11, 30159 Hannover

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