Vortrag von Dr. Gürsoy Doğtaş
Retour à Hanovre – Eine persönliche Kunstgeschichte der Migration
Der Vortrag Retour à Hanovre nimmt eine Familienbiografie zum Ausgangspunkt und fragt nach den politischen und ökonomischen Strukturen, die sie geprägt haben. Am 15. Oktober 1971 kam die Mutter des Kunsthistorikers Gürsoy Doğtaş im Rahmen der staatlich organisierten Arbeitsmigration nach Deutschland. Sein Vater war bereits einige Jahre zuvor eingereist; er arbeitete zunächst unter Tage im Ruhrgebiet und später bei Siemens in Hannover. Ab Juni 1972 arbeitete auch seine Mutter mehr als 25 Jahre lang am Fließband bei Telefunken in Hannover. Die Bundesrepublik warb Arbeitskräfte an, um ein Wirtschaftswachstum zu sichern, das ohne ihre Arbeit nicht möglich gewesen wäre. Zugleich war ihr Aufenthalt nur als vorübergehend vorgesehen. Arbeitsmigrantinnen wurden häufig in sogenannten Leichtlohngruppen beschäftigt. Ihre politische Betätigung konnte eingeschränkt werden; aufenthaltsrechtliche Abhängigkeiten begrenzten die Handlungsmöglichkeiten vieler Frauen zusätzlich.
Der Vortrag zeigt, wie migrantische Künstler:innen die Lebensrealitäten, Konflikte und politischen Forderungen von Arbeitsmigrant:innen sichtbar machten: die Arbeit am Fließband, das Leben in Baracken und Sammelunterkünften, die Unsicherheit des Aufenthaltsrechts, Familientrennung und rassistische Gewalt. Ihre Arbeiten brachten zur Sprache, was in Presse, Politik und Kunstbetrieb häufig ausgeblendet blieb. Einige dieser Künstler:innen waren selbst als Arbeitskräfte angeworben worden und arbeiteten außerhalb ihrer Schichten oder in den Arbeitspausen an ihrer Kunst. In mehreren Ausstellungen hat Gürsoy Doğtaş diese Positionen zusammengeführt. Dabei knüpft er an frühere Forschungen an und bezieht Künstler:innen ein, die im Ausstellungsdiskurs bislang kaum berücksichtigt wurden.
Dr. Gürsoy Doğtaş ist Kurator und Kunsthistoriker. Er arbeitet an den Schnittpunkten von Migrationsgeschichte und intersektionaler Queer-Geschichte. Als Creative Mediator der Manifesta 16 Ruhr (21. Juni bis 4. Oktober 2026) verantwortet er die drei ehemaligen Kirchen in Gelsenkirchen. Gemeinsam mit Patrizia Dander kuratiert er im Gropius Bau in Berlin die Ausstellung Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960 (10. September 2026 bis 17. Januar 2027). Er (ko-)kuratierte unter anderem die Ausstellungen There is no there there im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (2024), Annem işçi – Wer näht die roten Fahnen? im Museum Marta Herford in Herford (2024), Gurbette Kalmak / Bleiben in der Fremde (2023) im Taxispalais in Innsbruck oder das Festival What Would James Baldwin Do? (2024) in Berlin wie auch das Symposium Public Art: Das Recht auf Erinnern und die Realität der Städte (2021) in Nürnberg. 2022–23 lehrte er als Gastprofessor am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin und war von Herbst 2024 bis Sommer 2025 QuiS Visiting Research Fellow an der Städelschule und Goethe-Universität in Frankfurt.