Kestner Cinémathèque

In der neuen Kestner Cinémathèque zeigen wir permanent ein kuratiertes Filmprogramm. An einzelnen Abenden laufen dort Klassiker der Filmgeschichte.

Foto: Robert Knoke

Im Erdgeschoss befindet sich die neue Kestner Cinémathèque. Parallel zu den Ausstellungen werden dort verschiedene Kurzfilme gezeigt, die von den Künstler*innen ausgewählt wurden, die gleichzeitig mit Ausstellungen präsentiert werden. Ein von der Künstlerin Jongsuk Yoon konzipierter Vorhang leitet die Besucher*innen in die Welt des Kinos.

Aktuell zeigen wir:

Victor Jara Film Collective, The Terror and the Time, 1981, 70min

The Terror and The Time ist ein Dokumentarfilm über den Kolonialismus in Britisch-Guayana während der 1950er Jahre. Die Erzählung des Films besteht aus einer Reihe von Gedichten aus Martin Carter's Poems of Resistance, geschrieben und veröffentlicht 1953, dem Jahr, in dem die wichtigsten Ereignisse geschildert werden. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der internationalen Ereignisse desselben Jahres in Ländern wie Iran, Guatemala, Kenia und den Vereinigten Staaten zeigt The Terror and The Time die Wahl der ersten "internen Selbstverwaltung" in der Kolonie unter der Führung von Dr. Cheddi Jagan und der People's Progressive Party (PPP). Die Filmemacher - das Victor Jara Collective - gründeten sich 1976 in Guyana; der Name wurde zum Gedenken an den chilenischen Dichter Victor Jara gewählt, der während des Rechtsputsches gegen die Allende-Regierung in Chile nur drei Jahre zuvor ermordet wurde. Das Kollektiv bestand aus Rupert Roopnaraine (Regie), Ray Kril und Susumu Tokunow (Kameraführung und Schnitt), Lewanne Jones (Ton, Recherche, Schnitt), Gloria Lowe und Pippin Ross (Produktionsmitarbeiter). Der Film zeigt Szenen über das Leben und die Arbeit in Guyana, wie z.B. ein Zuckerrohrfeld und eine Zuckerrohrfabrik, die Bauxitminen, die Holzindustrie und ein Eishaus in Georgetown. Eine visuelle Erzählung erfolgt durch die Verwendung von Schlagzeilen, Fotografien, Anzeigen und Karikaturen aus den beiden großen britisch-guayanischen Zeitungen von 1953: The Chronicle und The Argosy.

Hannah Arendt, Zur Person, Interview geführt von Günter Gaus, 72min

Ein Interview, das Günter Gaus im Jahr 1964 mit Hannah Arendt führte. Im Zentrum stehen Gegenwartsfragen zu politischem Denken und Handeln. Einleitend wird das Spannungsfeld von Philosophie und politischer Theorie erörtert. Ein weiterer Aspekt sind Geschlechterrollen sowie insbesondere der Prozess gegen Adolf Eichmann. Das Buch von Hannah Arendt Eichmann in Jerusalem war im Herbst 1964 in der Bundesrepublik erschienen, Arendt nimmt hierzu Stellung. Nach Sebastian Dalkowski sprechen die Gelehrten über das Interview nur mit dem Zusatz "legendär" oder "berühmt". Nach ihm ist es auch Laien zugänglich, solange sie nur ein Minimum an Herz oder Verstand mitbringen. Der Philosophie-Historiker Thomas Meyer nennt es „mit weitem Abstand das produktivste, denkwürdigste Interview, das mit ihr geführt wurde. Bumm, da passiert was, da passt es.”

Aus dem Interview:

Gaus: Erlauben Sie mir eine letzte Frage. In einer Festrede auf Jaspers haben Sie gesagt: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, dass einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in das Wagnis der Öffentlichkeit nimmt, kann sie erreichen.” Dieses „Wagnis der Öffentlichkeit”, ein Zitat von Jaspers wiederum – worin besteht es für Hannah Arendt?

Arendt: Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein. Man exponiert sich im Lichte der Öffentlichkeit, und zwar als Person. Wenn ich auch der Meinung bin, dass man nicht auf sich selbst reflektiert in der Öffentlichkeit erscheinen und handeln darf, so weiß ich doch, dass in jedem Handeln die Person in einer Weise zum Ausdruck kommt wie in keiner anderen Tätigkeit. Wobei das Sprechen auch eine Form des Handelns ist. Also das ist das eine. Das zweite Wagnis ist: Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Wir sind alle darauf angewiesen zu sagen: Herr vergib ihnen, was sie tun, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das gilt für alles Handeln. Einfach ganz konkret, weil man es nicht wissen kann. Das ist ein Wagnis. Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem – schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen – Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht.

Alexander Kluge, Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos, 1967, 103min

Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos ist ein preisgekrönter Spielfilm von Alexander Kluge. Er wurde am 30. August 1968 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. In dem Film will der Artist Manfred Peickert seinen Direktor zu einer noch nie dagewesenen Elefantennummer überreden, kommt aber zuvor durch einen Sturz vom Trapez ums Leben. Seine Tochter Leni beabsichtigt das neuartige Projekt in einem eigenen Reformzirkus doch noch zu verwirklichen. Sie berät sich mit ihrem Freund Dr. Busch, doch die Pläne scheitern an Geldmangel. Als Leni jedoch ein Vermögen erbt, scheint das Projekt machbar zu sein. Doch je näher die Premiere rückt, desto unsicherer wird Leni. Schließlich liquidiert sie das Unternehmen und geht mit ihren Mitarbeitern zum Fernsehen. Der Film resultierte laut Alexander Kluge „einfach aus einer Frustration über die Berliner Filmfestspiele.” Sein Thema sei „die Lage, in der wir uns selbst befinden, wir, die wir auf dem hohen Seil, den Trapezakten der fine arts bewegen.”

Alexander Kluge, Abschied von gestern, 1966, 88min

Abschied von gestern (Arbeitstitel Anita G.) ist ein deutscher Film des Regisseurs, Produzenten und Autors Alexander Kluge, der bereits die Buchvorlage geliefert hatte. Die Uraufführung des Werkes, das als stilbildender Klassiker des Neuen Deutschen Films gilt, erfolgte am 5. September 1966 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig; die deutsche Erstaufführung fand am 14. September 1966 in Mannheim statt. Abschied von gestern ist einer der ersten Langfilme, welcher die beim Oberhausener Manifest postulierten Anforderungen an einen zeitgemäßen Film zu erfüllen suchte. Alexander Kluge hatte das Schicksal der Anita G., das auf einem authentischen Justizfall aus dem Jahr 1959 basierte, bereits in seinem vier Jahre zuvor erschienenen Buch Lebensläufe aufgegriffen. Nicht linear, sondern eher kaleidoskopartig wird das Bemühen der Anita G. erzählt, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Sie ist als Kind jüdischer Eltern 1937 in Leipzig geboren und nach deren Rückkehr in der DDR aufgewachsen, wo sie Telefonistin war. Nach ihrer Flucht in den Westen wird sie Krankenschwester, begeht einen Diebstahl und wird auf Bewährung verurteilt. Dieser Vorfall holt sie immer wieder ein – trotz aller Bemühungen, sich eine stabile Lebensrealität aufzubauen.

John Baldessari, Teaching a Plant the Alphabet, 1972, 20min

Eines der Hauptinteressen von John Baldessari als Konzeptkünstler ist es, zu erforschen, wie Bilder Bedeutung erlangen, und somit die Grenzen unserer Definition von Kunst auszuloten. In Teaching a Plant the Alphabet erteilt der Künstler einer eingetopften Bananenpflanze geduldig eine Grundlektion im englischen Alphabet. Die absurd anmutende Übung mit ihren sinnlosen, monotonen Wiederholungen und ihrer unbeweglichen Darbietung konfrontiert uns mit unseren Erwartungen, wie Kunst auszusehen hat. Dieses Video ist auch Baldessaris Antwort auf die Popularität der akademischen Disziplinen Linguistik und Semiotik, die in den 1970er Jahren viele Konzeptkünstler beeinflussten. Das Video ist eine "perverse Übung in Sinnlosigkeit" und dokumentiert Baldessaris Reaktion auf Joseph Beuys' einflussreiche Performance Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt. Baldessaris Herangehensweise ist charakteristisch subtil und ironisch: Er verwendet gewöhnliche Gegenstände und eine scheinbar banale Aufgabe. Die philosophische Grundlage von Baldessaris Arbeit sind strukturalistische Theorien über die undurchsichtige und künstliche Natur der Sprache als Zeichensystem. Indem Baldessari eine gewöhnliche Zimmerpflanze zur Darstellung der Natur und Lernkarten zur Darstellung des Alphabets verwendet, veranschaulicht er dieses Theorem auf ironische Weise. Dass die Sprache das strukturierende Element des Films ist - die Länge des Films wurde durch die Anzahl der Buchstaben des Alphabets bestimmt - unterstreicht die Verbindung zwischen Sprache und Kunst, ein wiederkehrendes Thema in Baldessaris Werk.

Samuel Beckett, Not I, 1973, 15min

Not I zeigt nichts als einen schwarz umrandeten Mund, der einen unablässigen Gedankenstrom von sich gibt. Überwältigt von der Geschwindigkeit der Erinnerungsblitze und der Dringlichkeit des Sprechbedürfnisses, gibt die Protagonistin, gespielt von Billie Whitelaw, Episoden eines Lebens voller Entbehrungen wieder. Samuel Beckett verfasste Not I 1972, im Jahr darauf wurde das Theaterstück am Royal Court Theatre in London uraufgeführt. Obwohl die Stimme sich weiblich anhört, geht aus dem Text nicht hervor, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Der Titel stammt von der wiederholten Beteuerung der Stimme, dass die Ereignisse, die sie beschreibt, ihr nicht widerfahren sind.

Vittorio Santoro, Visionaries & Voyeurs, II, 2009, 9min

Die Videoarbeit Visionaries & Voyeurs, II, (2009) zeigt eine Frau, die in einer bühnenartigen Umgebung hin und her geht und einen langen Monolog rezitiert. Der Monolog hat eine Gesamtlänge von etwa neun Minuten und besteht aus verschiedenen Äußerungen zu den Themen Transzendenz, Macht, Gewalt, Konfrontation, Beziehungen, Selbstdarstellung, soziale Konventionen, Wahrnehmung...


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